Süßer Terror

Süßer Terror

Seit ich denken kann, habe ich mir einen Hund gewünscht. Meine Mutter kann ein Lied davon singen, wie oft ich sie um einen angefleht habe. Ab dem Moment wo ich also von zu Hause ausgezogen bin war klar, irgendwann wird es soweit sein. Ich war wie eine Frau deren biologische Uhr so laut tickt, dass sie beim Anblick eines Babies ihr Lächeln nicht mehr von Lippen kriegt.

Ich habe mich ewig vorbereitet. Bücher gelesen. Hunde-Erziehungsshows geschaut und mit Hundebesitzern gesprochen. Ich wusste, das es viel Verantwortung sein würde. Ich hätte allerdings nich damit gerechnet, das mich so ein kleiner Welpe dermaßen aus der Bahn werfen kann.

Mittlerweile bin ich froh, das „Joy“ (die mir anfangs so gar keine Freude bereitet hat) bei uns ist. Da die ersten paar Monate allerdings die absolute Hölle für mich waren, möchte ich diesen Eintrag dem „Puppy Blues“ (ja, so etwas gibt es, googelt es!) widmen, und warum so ein kleiner süßer Welpe eigentlich so schrecklich ist.  

  1. Der „Ist-das-eh-die-richtige-Entscheidung-Wahnsinn“

    Ab dem Moment in dem ich wusste, das Joy in zwei Wochen bei uns einziehen würde, hatte ich keine ruhige Minute mehr. All die Freude die ich davor hatte, war mit einem Mal in gedanklichen Nonstop-Terror übergegangen. War das die richtige Entscheidung? Werde ich eine gute Hundebesitzerin sein? Werde ich die Erziehung hinbekommen? Was mache ich, wenn der Hund nicht alleine bleiben kann, oder andere Hunde auffressen möchte. Werde ich diesen Situationen gewachsen sein?   

  2. Schlaflose Nächte

    Schlaf kann man die ersten Wochen mit so einem zwei Monate altem Bündel vergessen. Da die Blase noch nicht gehalten werden kann, darf man alle 3-4 Stunden Gassi gehen. Das wusste ich natürlich im Vorhinein. Ich wusste nur nicht, in was für einen Menschen ich mich unter Schlafentzug verwandle. Noch dazu kam, das ich in der Zeit so eine Art Supergehör entwickelt habe, und bei jedem noch so leisen Geräusch von ihr sofort wach geworden bin. Tagsüber bin ich dafür bei jeder Gelegenheit in Sekundenschlaf verfallen.

  3. Die Stadt ist plötzlich ganz schön grausig

    Ich wohne schon fast immer in der Stadt. Ich fühle mich auch wohl hier und hatte bis dato keine Ambitionen, etwas Ländlicheres als Wohnort in Betracht zu ziehen. Wenn du einen Welpen hast, der ABSOLUT ALLES auf der Straße fressen will, fällt dir plötzlich auf, was da alles Großartiges herumliegt. Millionen (!) von Zigarettenstummeln. Kondome (benutzt und unbenutzt), Essen, volle Taschentücher, Nägel, Rasierklingen, Plastiksackerl, … Alles das verschlingt dein Hund in 2 Sekunden, wenn du nicht aufpasst. 

  4. Beye-beye Anonymität

    Plötzlich kannst du dir in deiner bis dato so angenehm anonymen Stadt von allen Leuten etwas anhören. Von gut gemeinten Ratschlägen bis hin zu Erziehungstheorien und persönlichen Erfahrungsberichten. Ah, und dann wäre da noch die „Oh-mein-Gott-ist-der-süß-Fraktion“. Die ist besonders unangenehm. Wenn jemand unbedingt deinen Hund streicheln, oder Fotos machen möchte, dann hast du zwei Möglichkeiten: Du lässt es über dich (und den Hund) ergehen – und erziehst dir damit einen Hund der JEDE/N begrüßen möchte, oder du bist der böse asoziale Ungustl, der Niemanden an seinen Hund ranlässt. Ich wünschte, ich wäre öfter das Letztere gewesen.  

  5. Mein Hund, meine Erziehung

    Es gibt einfach überwältigend viele Trainingsansätze und Möglichkeiten, die sich noch dazu häufig gänzlich widersprechen. 

  6. Vergiss deine gewohnte Routine!

    Am Sofa liegen, Serien schauen, Handy schauen, lesen...VERGISS ES! Wie ein ungefähr einjähriges Kind, das gerade zu laufen gelernt hat, findet der Welpe Alles interessant. Kabeln, Schuhe, Regale, ein Lacki hier, ein Gacki dort. Die ersten Wochen bestanden für mich darin, dem Hund hinterher zu putzen.   

  7. Die „Spaziergangs-Tortour“

    Am Anfang soll der Hund nicht lange gehen. 5-10 Minuten, dafür öfter. Man sagt, pro Monat kommen 5 Minuten hinzu. Vergiss also romantische Spaziergänge im Walde (vor allem wenn du in der Stadt wohnst). Bis du wo bist, wo ein Aufenthalt auch für dich angenehm wäre, ist der Hund schon wieder am Ende mit der Kraft. Diesen Sommer bestand meine Hauptbeschäftigung darin, auf dem heissen, stickigen, staubigen Gehsteig auf und ab zu wandern.

  8. Der K(r)ampf mit der Leine

    Ob man es wahrhaben möchte oder nicht – der Hund kann nicht innerhalb von ein paar Wochen perfekt an der Leine gehen. Der lockere, entspannte Spaziergang in trauter Zweisamkeit ist eine Illusion. Zumindest in der Stadt. Die Lernkurve des Hundes ist keine steile Gerade, sondern eine wellenförmige Linie mit vielen stolzen Momenten, aber auch mit einigen Geduldsproben.  

  9. „My home, my prison“

    Ich habe mich zu Hause eingesperrt gefühlt. Da der Hund nicht gleich von Anfang an alleine bleiben kann, erfordert auch schnell mal Essen einkaufen gehen eine Planung.  Ich hatte das Gefühl, das sich mein ganzes Leben nur noch um den Hund dreht. Kein Training, keine Freunde treffen, zu Hause keine Entspannung, wo anders auch keine Entspannung. Ich konnte einige Zeit nirgendwo mehr Abschalten, da ich gedanklich dauernd mit der neuen Lebenssituation beschäftigt war. 

  10. Vom schlechten Gewissen

    Meine Vorstellung davon, wie wunderschön die Zeit mit einem Welpen doch sein muss, war schnell dahin. Es war frustrierend. Ich war der fixen Überzeugung, das man seinen Hund von Anfang bis Ende bedingungslos lieben wird. Ich konnte einfach nichts ausser Stress und ja, auch Abneigung empfinden. Dafür hab ich mich natürlich verurteilt – was die Gesamtsituation auch nicht gerade verbessert hat. Habe ich schon erwähnt, das der Anfang furchtbar war?   

Die gute Nachricht ist allerdings: Wir haben einfach Zeit gebraucht, uns aneinander zu gewöhnen. Und nein, Joy ist jetzt mit bald 8 Monaten noch lange kein gemütlicher Traumhund. Aber das macht nichts. All die Dinge, die mir vorher unendlichen Stress bereitet haben, bringen mich jetzt nur mehr selten aus der Fassung. Ich freue mich auf sie, wenn ich abends nach Hause komme. Ich genieße es, am Wochenende etwas mit ihr zu unternehmen. Sogar das erste Mal Gassi gehen am Morgen löst keine Selbstmordgedanken mehr aus. Ich nutze meine Zeit bewusster und verschlafe nicht mehr den halben Tag. Ich verbringe viel mehr Zeit in der Natur, und auch wenn ich spazieren gehen nicht als Training bezeichnen würde, bewege ich mich einfach mehr als früher. 

 

 

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