Ein Neuanfang in tiefster Finsternis

Ein Neuanfang in tiefster Finsternis

Seit Tagen formuliere ich gedanklich an diesem Eintrag. Eigentlich ist er der Grund, der mich ursprünglich dazu bewegt hat einen Blog zu starten. Allerdings ist das Thema aus mehreren Gründen durchaus schwierig. Einerseits ist es sehr sehr persönlich. Es ist nichts, was ich leichten Herzens erzähle. Nicht einmal alle meine Freunde wissen im Detail davon. Andererseits ist es ein Thema, das viele Menschen betrifft (und quält, möchte ich sagen). Es betrifft nicht nur individuelle Leben, sondern auch deren Familie und Freunde.

Es geht darum, Antidepressiva abzusetzen, und wie es einem dabei ergehen kann. Mir ist klar, das dies höchstwahrscheinlich nur Leute interessiert, die selbst bereits mit diesem Unterfangen Erfahrungen gemacht haben. Aber selbst wenn nur ein einziger Mensch, der sich vielleicht selbst gerade mitten in so einem Prozess befindet, das hier liest und sich dadurch verstanden fühlt, bin ich zufrieden.

Ich werde auch kaum in einem Eintrag alles unterbringen, was ich zu diesem Thema gerne sagen möchte. Daher werden bestimmt noch einige (hoffentlich hilfreiche) Beiträge dazu folgen. An dieser Stelle möchte ich auch festlegen, das die eigene Gesundheit und alle damit zusammenhängenden Entscheidungen immer in den Händen der betroffenen Person liegen sollten, und das dies hier meine eigene Geschichte ist. Ich möchte damit niemandem sagen, was richtig oder falsch ist. Für mich persönlich war immer klar, das ich mein Leben ohne Antidepressiva leben KANN- und vor allem MÖCHTE. Auch wenn dies viel Geduld und oftmals mühselige persönliche Weiterentwicklung bedeutet.

Da es hier um das Absetzen von Psychopharmaka gehen soll, werde ich die Vorgeschichte dazu kurz halten. Dennoch ist es vielleicht interessant zu wissen, warum ich überhaupt mit deren Einnahme begonnen habe. Das ist ganz einfach erklärt: Heutzutage sind Antidepressiva die vermeintliche Lösung für vielerlei Probleme. So schnell kann man gar nicht schauen, hat man bereits ein Rezept in der Hand. Es gibt natürlich viele Situationen, in denen dies auch sinnvoll sein mag, ja vielleicht sogar Leben rettet. Ich traue mich aber zu behaupten, das diese Fälle weitaus geringer sind als jene, in denen es großes Schaden anrichtet. Ich gehöre jedenfalls zu denjenigen, denen in jungen Jahren, aufgrund von leichten Panikattacken, nach einem zehnminütigen Gespräch von einem Hausarzt ein Rezept ausgestellt wurde. Und zwar mit den folgenden Worten: „Das nehmen Sie am besten ihr Leben lang.“

So habe ich die letzten 12 Jahre meines Lebens immer wieder Medikamente genommen – weil ich dachte, es ginge nicht anders. Weil mir von Ärzten anstatt von Therapieansätzen und alternativen Lösungen erklärt wurde, das ich eben an diesen und jenen psychischen Störungen leide. Was ist wahr an dem Ganzen? Das ich durch meinen Cocktail an charakterlichen Eigenschaften leicht eine Neigung zu psychischen Belastungen entwickle ganz bestimmt. Ich bin extrem sensibel, ich bin schnell gestresst, ich bin endlos harmoniebedürftig, ich denke viel nach, ich bin überperfektionistisch und selten zufrieden mit meinen Leistungen. Ich möchte es immer allen Recht machen und ich habe mich einige Male in meinem Leben bereits stark überarbeitet. Es fällt mir schwer, negative Emotionen zuzulassen. Ich strebe nach einer Balance, gleichzeitig habe ich mich jahrelang an einer eigenartigen Grenze zwischen Burnout und Boreout bewegt. Ohne strenge Selbstreflexion gerät dieses Konstrukt schnell aus den Fugen. Mir ist es allerdings niemals in meinem Leben zuvor so schlecht ergangen, wie beim Absetzen der Psychopharmaka. Und das hat mir eindeutig gezeigt, das diese nicht so ungefährlich sind wie gerne behauptet wird. Sie beeinflussen die chemische Prozesse im Gehirn, so wie das gesamte Nervensystem – und zwar nachhaltig. Diese Aussage verneinen viele Ärzte aus diversen möglichen Gründen, auf die ich wahrscheinlich gesondert eingehen werde. Ihnen gegenüber stehen allerdings unendlich viele Menschen, denen es jahrelang nicht gelingt, von ihren Medikamenten loszukommen.

Hier also, wie es mir ergangen ist:

Ich habe Antidepressiva der Gruppe SSRI (Selective Serotonin Reuptake Inhibitor) eingenommen. Ich wusste bereits, das man UNTER KEINEN UMSTÄNDEN von einen auf den anderen Tag mit der Einnahme aufhören darf. Das steht natürlich in der Rezeptbeilage, viele Ärzte halten es trotzdem nicht für notwendig, die Patienten diesbezüglich ausführlich aufzuklären.
Ich habe also über mehrere Monate die Dosis schrittweise verringert. In meinen nachträglichen Recherchen habe ich entdeckt, das ich immer noch einige Schritte zu schnell vorgegangen bin.
Eine genaue Aufklärung zum Thema „schrittweises Absetzen“ gibt es beispielsweise auf dieser Seite.

Ich hatte bereits nach jeder Dosisreduktion in etwa 1-2 Monate lang heftige Reaktionen. Da sich die Symptome nach einigen Monaten wieder eingependelt haben wusste ich, das sie eine Folge dessen sein mussten, das sich mein System erst wieder an die neuen Gegebenheiten anzupassen bemüht. Ungefähr drei Monate nachdem die Einnahme endgültig ausgefallen ist, hat dann erst der richtig harte „Entzug“ (medizinisch korrekt darf nur von Entzugssymptomen die Rede sein) begonnen. Ich kann schwer in Worte fassen wie ich mich gefühlt habe. Es war, als würde jegliche Normalität meines Wesens verschwinden und nur noch finsteres Chaos herrschen. Ohne jegliche Kontrolle. Alle bekannten psychischen Phänomene haben sich am einem einzigen Tag mehrere Male abgewechselt. Dinge, die ich zuvor in abgeschwächter Form kannte, aber auch mir völlig neue Befinden, wie starke obsessive und paranoide Gedanken, soziale Ängste und eine Tiefe an Depression, von der ich nicht wusste, das sie existieren kann.

Die Palette reichte von psychischen bis hin zu physischen Symptomen:

  • Zittern
  • Grippeähnlichs Befinden
  • Schweissausbrüche
  • Schlafstörungen
  • Depersonalisierung
  • Sehstörungen
  • Schwindel
  • „Brain Zaps“ (das Gefühl von elektrischen Schlägen im Kopf)
  • Depressive Verstimmungen
  • „Kopfnebel“ (der Kopf fühlt sich vernebelt an, man kann keinen klaren Gedanken fassen)
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Kribbeln und Stechen auf der Haut
  • Obsessive Gedanken
  • Panikattacken
  • Soziophobie
  • Paranoia
  • Starke Ängste (beispielsweise die starke Angst, jemand Fremder sei in der Wohnung)
  • Kopfschmerzen (in etwa 3 Monate lang)
  • Häufiger Wechsel der Emotionen (30 Minuten ekstatische Glückseligkeit, danach tiefe depressive Verstimmung)
  • Taubheitsgefühl in Händen, Füßen und Gesicht

All diese Symptome werden auch von vielen anderen Menschen im Zusammenhang mit dem Absetzen von Antidepressiva beschrieben.

Ich war komplett am Ende. Ich wusste nicht, was mit mir passiert und ich war einige Male so verzweifelt, das ich mich einliefern lassen wollte. Ich habe das riesige Glück, großartige Hilfe, vor allem von meiner Mutter und meinem Freund, aber auch von meinen engsten Freunden bekommen zu haben. Ich möchte mir gar nicht beginnen auszumalen, was ohne all die Geduld und Liebe ihrerseits mit mir passiert wäre. Ich brauchte über mehrere Monate eine Art Dauerbetreuung, die es mir ermöglicht hat, diese intensive Zeit durchzustehen. Zusätzlich habe ich ganz großartige Hilfe auf diversen Websites und Foren erhalten, die ich anschließend auflisten möchte.

Hier sitze ich nun, ein Jahr später. Mein Leben ist in vieler Hinsicht wieder fast „normal“. Die letzten Monate habe ich größtenteils „überlebt“ und „ausgestanden“. Der Regenerationsprozess verläuft in sogenannten Fenstern und Wellen. Auch das beschreiben beinahe alle Betroffenen. Es gibt Tage, Wochen und beinahe schon Monate, in denen man sich ganz gesund fühlt, danach folgt wieder eine Phase die von einem oder mehreren Symptomen begleitet wird. Ich bin bei Weitem noch nicht „fertig“. Ich stoße noch sehr häufig auf die Spuren, die die Einnahme der Antidepressiva hinterlassen haben. Ich muss auch nach wie vor sehr stark darauf achten, wie ich mein Leben führe. Vor allem Stress vermeiden und mich immer wieder daran erinnern, das es noch einige Höhen und Tiefen geben kann. Glücklicherweise habe ich im Zuge meiner Auseinandersetzung mit dem Thema durchaus auch Ärzte gefunden, die mir meine Theorien bestätigt haben. Das Nervensystem kann durchschnittlich 1,5 Jahre brauchen, um seine natürliche Balance wieder herzustellen. Manche spüren diese Anstrengung des Körpers viel kürzer, kaum, oder gar nicht. Für sehr viele aber stellt es eine ganz ähnliche Situation dar wie für mich. Und diesen Menschen möchte ich gerne sagen: ES WIRD BESSER! Nicht heute, nicht morgen, auf gar keinen Fall so schnell wie man es sich wünscht. Aber es wird besser.

Ich habe mich sehr oft gefragt, ob mein Weg der richtige ist. Ob es nicht einfach nur der totale Wahnsinn und Selbstgeißelung ist, die ich betreibe. Einige Male habe ich in Betracht gezogen, wieder mit der Einnahme zu beginnen. Es gab aber immer diesen Teil in mir, der wissen wollte was passieren wird. Ob ich wirklich völlig verrückt geworden bin, oder ob mein Zustand tatsächlich auf das Absetzen der Medikamente zurückzuführen ist. Und siehe da, ein Jahr später stehe ich wieder alleine auf den Beinen. Ich arbeite, ich trainiere, ich treffe meine Freunde, ich lache und fühle mich größtenteils sehr glücklich. So wie ich eben vorher war. Nur um sehr viel an Erfahrung, Wissen und Selbsterkenntnis reicher.

Wenn ihr Fragen zu diesem Thema habt, dann könnt ihr mich sehr gerne anschreiben, oder hier Kommentare hinterlassen. Es ist mir ein sehr großes Anliegen, Hilfe zu leisten diesbezüglich wo ich kann.

Hier findet ihr eine Liste an Websites, die mir geholfen haben (Englische und deutsche Seiten):

Eine ganz großartige Seite mit vielen Artikeln und Einsichten zum Thema auf Deutsch: 
my-free-mind.at

Ein Forum, aus dem man sich sehr viel Mut, Infos und Tipps holen kann (Englisch). Man fühlt sich dort schnell verstanden, und nicht mehr allein. Vorsicht nur vor Angsmacherei! Es schreiben dort größtenteils Betroffene mitten in den härtesten Phasen: 
Survivingantidepressants

Das gleiche Prinzip eines Forums wie Survingantidepressants im deutschen Raum: 
ADFD

Eine ganz besondere Frau, Baylissa Frederick, die jahrelang unter dem Entzug von Benzodiazepinen litt, und eine der Ersten, die sich öffentlich dazu bekannte. Sie hat viele Menschen inspiriert, Leben gerettet, sowie großartige Bücher zum Thema verfasst: 
https://baylissa.com/

Dr. Peter Breggin, einer der wenigen Psychiatern, der sich traut, Pharmakonzernen offen zu widersprechen und mit seiner Website, Podcasts und Büchern für großartige Aufklärung sorgt:
breggin.com

Mach dich glücklich!

Mach dich glücklich!

Tschüss 2016!

Tschüss 2016!