Nur noch halbe Sachen

Nur noch halbe Sachen

Ich war in der ersten Klasse Volksschule. Es war Geographiestunde (Damals hieß es Sachkunde). Ich wurde an die Landkarte vor die Klasse gerufen, und sollte die vier Himmelsrichtungen zeigen. Ich hatte keine Ahnung, noch nie von Norden, Süden, Osten, Westen gehört. Soweit ich weiss, wurde ich nicht einmal ausgelacht deswegen. Aber auch heute noch ist mir dieser Tag als der erste, an dem mich mein unendlicher Ehrgeiz und Perfektionismus einen wunderschönen sonnigen Nachmittag gekostet hat, in Erinnerung geblieben. So eine Blamage wollte ich mir nie mehr wieder geben, und habe stundenlang die Himmelsrichtungen studiert. Niemals ohne Seife waschen, niemals ohne Seife waschen, niemals ohne Seife waschen.

Dieser Grundzug, den ich schon als Kind sehr ausgeprägt hatte, ist mir natürlich – wie könnte es anders sein – bis heute geblieben. In großem Ausmaß. Wenn ich etwas tu, dann 100 Prozent, oder lieber gar nicht. Ich habe 1 Jahr lang jeden Tag 5 Stunden Gitarre geübt. Dann ganz damit aufgehört, da mir wegen des Studiums keine 5 Stunden am Tag an Zeit übrig geblieben sind. Aber 1 Stunde am Tag – da wäre ja nichts weiter gegangen. Wenn ich zeichne, macht mir das eine Stunde Spaß, danach sehe ich nur noch falsche Proportionen und schlechte Schattierungen. Die letzten Jahre habe ich intensiv viel Sport betrieben. Für all die Sportarten und Trainingseinheiten die ich machen möchte, bräuchte ich, um meinem eigenen Anspruch gerecht zu werden, ein eigenes Leben.

Man kann das Problem an der Geschichte vielleicht bereits erahnen: Wenn man zu ehrgeizig und perfektionistisch ist, verliert man den Spaß an der ganzen Sache. Das hört sich jetzt vielleicht sehr nach „Jammern auf hohem Niveau an“, aber ich sage euch, ich habe tatsächlich Schwierigkeiten damit, Freude an Hobbies zu empfinden. Ich muss auch ganz ehrlich gestehen, das ich noch keine nachhaltige Lösung für dieses Problem gefunden habe, arbeite aber fleissig (natürlich) an einer Optimierung.

Der größte Schritt war die Einsicht (Ja, ich habe ein Problem mit meinem Ehrgeiz). Als ich das erste Mal gefragt wurde, ob ich perfektionistisch veranlagt bin, hatte ich keine Antwort parat. Ich bin ja schon immer so gewesen, ohne darüber nachgedacht zu haben. Also:

  • Schritt 1: Die Einsicht. Ja, ich muss immer die Allerbeste sein!
  • Schritt 2: Erkennen. Das tut mir nicht gut (Ich habe keinen Spaß mehr an meinen Hobbies, oder arbeite mich in der Arbeit zum emotionalen Krüppel).
  • Schritt 3: Achtsamkeit. Man muss sich eine Zeit lang konstant selbst beobachten und darauf achten, wann man beginnt, wieder einmal alles nur aus einem „Streberzwang“ heraus zu erledigen.
  • Schritt 4: Reflexion. Lieb zu sich sein, vielleicht auch einmal ein wenig über sich selber lachen.

Eine Therapeutin hat mir einmal vorgeschlagen mir Aufgaben zu überlegen, die ich dann extra „schlecht“ umsetzen soll. Beispielsweise bewusst ein hässliches Bild malen. Absichtlich halbe Sachen machen. Diese Taktik war mit allerdings bisher zu hart. Das wäre für mich quasi so etwas wie eine Schocktherapie.  In ein paar Jahren bin ich dann aber hoffentlich so weit. 

Selbstständigkeit ist Gefühlssache

Selbstständigkeit ist Gefühlssache

Mach dich glücklich!

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