Selbstständigkeit ist Gefühlssache

Selbstständigkeit ist Gefühlssache

Immer wieder ernte ich bewundernde Blicke wenn ich erzähle, das ich seit mehreren Jahren selbstständig arbeite. Beinahe so, als wäre es ein absolut unerreichbares Privileg. Seit dem Beginn meiner Selbstständigkeit habe ich einige Male darüber nachgedacht, ob eine fixe Anstellung nicht doch die angenehmere Alternative wäre. Wenn ich ganz nüchtern Vor- und Nachteile gegenrechne, komme ich allerdings nie zu einem eindeutiges Ergebnis. Warum? Weil die Frage „Selbstständigkeit oder Anstellung“ nicht auf rationaler Basis gelöst werden kann. Egal wie viele Vorteile das Eine oder das Andere am Papier darstellen mag – am Ende des Tages muss man sich mit seiner Wahl wohl fühlen. Dem Einen mag es endlos unangenehm sein, Honorare unregelmäßig zu erhalten, der Andere fühlt sich eingesperrt, wenn er immer zu den selben Zeiten am selben Platz sitzen muss. Die perfekte Arbeitssituation gibt es kaum, bleibt also nur ein Abwägen der eigenen Präferenzen.

Ich bin damals in die Selbstständigkeit „hineingerutscht“. Ich hatte mich seit einigen Monaten in meiner Anstellung nicht mehr wohl gefühlt, gekündigt, und wollte mir nach ein paar Wochen Auszeit einen neuen Job suchen. In diesem Zeitraum wurde ich von einer Werbeagentur angerufen (ich bin Grafik Designerin). Sie hätten von Irgendjemandem gehört das ich gerade frei sei, und ob ich Lust hätte, für ein paar Tage zum Freelancen vorbeizukommen. Mir hat diese neue Form des Arbeitsverhältnisses sofort gefallen. Hier ein paar Gründe (die wiederum für jemand Anderen genau das Gegenargument zur Selbstständigkeit bieten könnten), die für mich ausschlaggebend waren, weiterhin in dieser Form zu meinen Lebensunterhalt zu verdienen:  

  • „Teampolygamie“

    Viele bringen als Argument gegen die Selbstständigkeit, das sie lange Zeit bräuchten, sich in einem neuen Umfeld zurechtzufinden und wohlzufühlen. Bei mir ist genau das Gegenteil der Fall. Ich find es spannend, mit möglichst vielen verschiedenen Leuten zusammenzuarbeiten. Je länger man mit den gleichen Menschen arbeitet, desto besser kennt man sich. Desto berechenbarer wird die Zusammenarbeit. Das hat natürlich auch sehr angenehme Seiten. Was kreative Arbeit betrifft, kann es allerdings äußerst erfrischend sein, mit neuen Köpfen gemeinsam zu kreieren. Ich habe ausserdem immer zu den Menschen gezählt, die sich für das allgemeine Wohl des Teams verantwortlich fühlen, und ständig darum bemüht sind, interne Konflikte ausgleichen. Mit einem fast schon zwanghaften Gerechtigkeitssinn wird das auf Dauer äußerst belastend. Die Selbstständigkeit bietet hierfür eine angenehme Leichtigkeit der Ungebundenheit.

  • Flexible Arbeitszeiten & abwechslungsreicher Alltag

    Arbeitet man auf Freelance-Basis vor Ort, hat man sich natürlich nach den dortigen Arbeitszeiten zu richten. Allerdings mit dem Hintergrundwissen, das nach Abschluss der vereinbarten Zeit der Zusammenarbeit wieder Abwechslung in den Tagesablauf einfließen kann. An den eigenen Kundenprojekten kann man hingegen auch von 22 Uhr bis 6 Uhr morgens arbeiten, wenn es einem beliebt. Hauptsache, die abgemachten Timings werden eingehalten. Das erfordert natürlich eine ordentliche Portion Selbstdisziplin. Wenn man jemand ist, der sich allein schwer dazu motivieren kann Dinge zu erledigen, dann ist die Selbstständigkeit sehr wahrscheinlich nicht der optimale Berufsweg.   

  • „Opt-Out“ (to choose not to be part of an activity or to stop being involved in it) 

    Während man in einer festen Anstellung abhängig ist von Kündigungstagen und diversen Fristen, hat man als Selbstständige/r jederzeit die Möglichkeit, ein bestehendes Arbeitsverhältnis aufzulösen. Das ist mir persönlich beispielsweise sehr wichtig. Es gibt nichts was mich mehr entspannt als zu wissen, das ich keine unguten Vorgesetzten, Kollegen, oder nervenaufreibende Projekte aushalten muss.   

  • Urlaub – wann man möchte, wie lange man möchte

    Ich reise sehr gerne. Am liebsten möglichst weit weg, über einen längeren Zeitraum. Alles unter 3 Wochen zählt nicht. Ich möchte mir nicht erst erlauben lassen, auf Urlaub zu fahren. Meine Lebenszeit, meine Entscheidungen. Allein die Vorstellung, insgesamt nur 5 Wochen im Jahr Urlaub zu haben, schnürt mir die Kehle zu. Das bedeutet nicht, das ich jedes Jahr viel mehr als 5 Wochen Urlaub mache. Ich KÖNNTE aber. Und das ist ein riesiger Unterschied.   

  • Finanzielle Neuverhandlungen

    Für eine Selbstständige verhandle ich äußerst ungern. Es fällt mir schwer, auf meine Stundenlöhne zu bestehen, und mich nicht von Redekünsten brechen zu lassen. Da es aber relativ häufig zu neuen Kontakten und Verhandlungen kommt, hat man jede Menge an Möglichkeiten, sich darin zu üben. Somit kann man sich seinem Traumgehalt rascher annähern als in einer festen Anstellung.  

  • Man erntet, was man sät

    Es gefällt mir, für intensiveres Arbeiten dementsprechend höher entlohnt zu werden. Weniger Arbeit – weniger Geld, mehr Arbeit – mehr Geld. Eine einfache, aber faire Rechnung. In einem fixen Job muss man seine Zeit absitzen, egal wie wenig zu tun ist. In anderen Berufssparten ist man vor Überstunden und zu großem Druck vielleicht ein wenig geschützter – die Werbung ist allerdings ein hartes Pflaster. Überstunden zu machen gehört zur Tagesordnung und werden größtenteils als selbstverständlich betrachtet. Zeitausgleich und Gehaltsbonus sind hier selten gehörte Fremdwörter.   

    Während mein ein oder anderer Pro-Punkt für jemand Anderen vielleicht ein Gegenargument zur Selbstständigkeit bietet, sind die folgenden Themen meine persönlichen Contra-Aspekte: 

  • Unregelmäßiger Cashflow

    Mal verdient man über ein paar Monate ungewöhnlich viel, danach folgt eine Durststrecke, oder ein Auftraggeber lässt sich unangenehm viel Zeit für seine Überweisung. Wem der Gedanke daran, nicht immer am selben Tag im Monat das gleiche Gehalt überwiesen zu bekommen Sorgen bereitet, der ist mit der Selbstständigkeit schlecht beraten.   

  • Buchhaltung führen

    Die Buchhaltung zu erledigen gehört eindeutig nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Dieser Punkt gehört allerdings gleichermaßen zu den Pros, wie zu den Contras. Es gibt einem nämlich einen enorm hilfreichen Einblick in die Finanzen, wenn man monatlich gezwungenermaßen seine Einnahmen und Ausgaben betrachtet. Und auch hier ist wieder einmal Selbstdisziplin gefragt, denn den erforderlichen Teil für die Einkommenssteuer und die Kranken- und Sozialversicherung wegzulegen, ist nicht immer ein Leichtes. Hier enden einige nach ihrem Erstversuch mit Schulden – meistens an die Krankenversicherungsanstalt. Was mir hier am Meisten geholfen hat sind mehrere Konten. Eines für den Alltag „privat“, eines für den Alltag „beruflich“, eines für das Sparen „privat“, und eines für das Sparen „beruflich“. Sobald ich ein Honorar erhalte, überweise ich die Umsatzsteuer, sowie 40% an das „Sparen-beruflich-Konto“. Somit hatte ich bisher nie Probleme, meine Abgaben zu bezahlen – ausser im unangenehmen Fall eines Auftragstiefs. Hierfür ist es sehr hilfreich, eine Art Notfall-Polster für auftragsarme Zeiten anzulegen.   

  • Rechnungen hinterher laufen

    Glücklicherweise hatte ich diesen Fall nicht häufig, es kommt aber immer wieder mal vor, das man an unzuverlässige Leute gerät. Hier kann es unangenehm werden. Es kostet unheimlich viel Zeit, Mühe (Und Nerven), Zahlungserinnerungen oder Mahnschreiben zu verfassen. Ausserdem bekommt man den unangenehmen Beigeschmack, das die eigene Arbeit einfach nicht geschätzt wird. Kurz: Man fühlt sich verarscht. Ich finde es schwer, unerfüllte Zahlungsfristen nicht persönlich zu nehmen. Hier ist es unumgänglich, alle Aufträge, und seien sie noch so klein, vorerst schriftlich abzuklären. Ich habe mir in den ersten Jahren angelernt, für jede Aufgabe einen kurzen Kostenvoranschlag (KV) zu erstellen, in dem ich den Umfang des Projekts, sowie die Basis der Bezahlung (Stundenabrechnung oder Pauschale) und deren Zahlungsbedingungen aufliste. Erst nach einer schriftlichen Bestätigung via Email beginne ich mit meiner Umsetzung.

Man sieht also, die Selbstständigkeit bietet viele Gründe, die einen gleichermaßen erleichtert aufatmen lassen, wie ein mulmiges Gefühl der Ungewissheit geben können. Sie ist aber in keinem Fall ein unerreichbares Ziel, welches nur einer Gruppe an besonders Begabten zusteht. Mit dem richtigen Mix an Selbstdisziplin, Freigeist, und Freude an der Zusammenarbeit mit neuen Leuten steht einer erfolgreichen Selbstständigkeit nichts im Weg. Ich würde allerdings jedem raten, vorerst zumindest 1-2 Jahre Erfahrungen in einem fixen Arbeitsverhältnis zu sammeln. Hier bekommt man die Möglichkeit, sozusagen aus einem sicheren Leo, verschiedene Situationen kennenzulernen. Man kann sich von erfahrenen Kollegen sinnvolle Arbeitsweisen absehen, und einen guten Einblick in die Positionen, die man dann in der Selbstständigkeit selbst übernehmen muss, bekommen. Unterm Strich bleibt zu sagen: Kein Weg ist besser als der andere. Selbstständigkeit ist und bleibt reine Gefühlssache. Alles Andere ist erlernbar. 

  

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