Eine Portion "Yang" bitte!

Eine Portion "Yang" bitte!

Unsere Welt besteht aus Gegensätzen. Heiss - Kalt, Anspannung - Entspannung, Frohsinn - Trauer, Ordnung - Chaos, Leben & Tod. Umso extremer der eine Pol, desto stärker entsteht das Bedürfnis nach dem Gegenpol.

Das aus chinesischer Philosophie stammende Yin und Yang Zeichen (Taiji) verbildlicht dieses Prinzip der Gegensätze in seinem allgemein bekannten Symbol der sich zu einem Kreis zusammenschließenden schwarzen und weissen Form. Der weisse Teil steht für das männliche Prinzip und repräsentiert Begriffe wie Ordnung, Struktur, Rationalität, Aktivität und Bewegung. Der schwarze, weibliche Gegenpol steht für Emotionalität, Passivität und Ruhe. Yin existiert nicht ohne Yang, und umgekehrt. Daher besitzen auch beide Pole einen Punkt seines Gegenpols. Schwarz geht in dynamischer S-Form in Weiss über und umgekehrt.

Soviel zur Symbolik ;) Aber nicht nur "die Welt da draußen" besteht aus Gegensätzen. Auch für jeden Menschen persönlich spielen Yin und Yang eine große Rolle. Mittlerweile würde ich sogar behaupten, sie bilden die Basis jedes individuellen Daseins. Ziel wäre es, ein perfektes Gegenspiel aus Yin und Yang für sich zu erschaffen, seine Balance zu finden - die heiss begehrte goldene Mitte eben.

Ich beispielsweise hänge viel zu sehr im Yin. Das ist meine Persönlichkeit. Ich bin sehr emotional, empathisch, neige zu Grübelei und Melancholie. Was mir dann meistens hilft ist eine ordentliche Portion "Yang". Einfach komplett das Gegenteil tun von dem was ich gerade vermeintlich als gut empfinde. Beispielsweise habe ich die Angewohnheit, in Krisenzeiten in eine Art "Starre" zu verfallen in der ich meine, ich müsste mich nur lange genug aufs Sofa legen und nachdenken, dann würde ich eine Lösung für dieses oder jenes Problem finden. Obwohl das natürlich ab und an bestimmt nicht schaden kann ist exzessives, ja gar obsessives Nachdenken eher verheerend und stiftet meist noch mehr Verwirrung. Ständig nur in Gefühlen herumzurühren führt irgendwann zu Bodenlosigkeit und Chaos.

Genauso gibt es Menschen die sehr stark rational verankert sind, denen es schwer fällt Gefühle zu spüren, zuzulassen oder gar darüber zu sprechen. Auch wenn ich mit meinem starken Hang zum Yin solche Eigenschaften ein wenig beneide, sehnen sich solche Menschen oftmals nach mehr Emotion, könnten sich gerne besser mitteilen oder haben seit vielen Jahren nicht geweint.

Ein anderes gutes Beispiel für aus dem Lot geratenen Ausgleich bieten extrem träge und extrem aktive Menschen. Wer einmal in der "Faulheit" hängen geblieben ist, keinen Sport mehr treibt, nur noch daheim vor dem Fernseher sitzt und keinerlei Stimuli mehr in sein Leben bringt wird höchstwahrscheinlich irgendwann unzufrieden und gelangweilt. Sogar Yin Yoga wäre in so einem Fall mehr Yang.

Im Gegesatz dazu kenne ich einige Leute deren Terminkalender über mehrere Monate ausgefüllt ist und die beinahe in Panik verfallen bei dem Gedanken einmal nichts zu tun. Die wiederum sind so viel in Bewegung, das sie keine Ruhe mehr finden und nach einiger Zeit an Stresssymptomen leiden.

Und dann wären hier natürlich auch noch die von mir selbst ernannten "Boarderliner des Yin und Yang" - zu denen ich mich leider auch zählen muss. Ich hänge oft längere Zeit in einer Phase der Trägheit fest, in der ich mich schwer zur Aktivität ermuntern kann, beziehungsweise alleinig in Gedanken allerlei Pläne schmiede. Dann fasse ich irgendeinen Entschluss wie beispielsweise: "Ab jetzt werde ich wieder fleissig trainieren!" Oder: "Ab jetzt esse ich Low Carb." Oder: "Ich möchte eine Fremdsprache lernen. Dazu muss ich jeden Tag üben." Oder: "Ich möchte mich mehr künstlerisch betätigen." Was dann folgt ist ein starker Antrieb indem ich meine Vorhaben exzessiv umsetze. Also anstatt erstmal regelmäßig zwei Mal die Woche ins Training zu gehen nehme ich mir fünf Einheiten vor. Anstatt eine Mahlzeit am Tag sauber zu essen verbiete ich mir diktatorisch jeglichen Ausreisser. Weiter von der goldenen Mitte könnte man schwer entfernt sein. Das wiederum führt dazu das die Phasen des Auftriebs meist schnell wieder vorbei sind.

Ich sage nicht das es einfach ist aus Verhaltensmustern auszubrechen. Ganz im Gegenteil. Je stärker die Persönlichkeit in ein Extrem ausgebildet ist, desto schwieriger wird es, sich in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen. Das heisst aber nicht das es unmöglich ist.

Wie ist es möglich? Wenn man bereits einige Male den Versuch einer Veränderung gestartet hat und daran gescheitert ist - dann höchstwahrscheinlich NICHT SO ;)
Statt immer wieder in einer Sackgasse zu landen sollte man lieber nach neuen Wegen suchen. Es gibt keine Formel die auf jeden Menschen passt. Schon gar nicht wenn man nach der Yin und Yang Philosophie geht. Egal wo man steht - ein krasser Übergang zur anderen Seite wird höchstwahrscheinlich nicht von langer Dauer sein. Eher sollte man sich in kleinen Schritten annähern um im besten Falle irgendwann einmal einen angenehmen (und anhaltenden) Ausgleich schaffen zu können.

Veränderung ist ein Prozess der viel Geduld abverlangt. Habt ihr schon mal eure Kaffeemaschine oder den Mistkübel an einen anderen Platz gestellt? Wahrscheinlich habt ihr dann für ein paar Wochen immer ins Leere gegriffen bis ihr euch an den neuen Platz gewöhnt habt.

Achtsamkeit ist in jedem Fall hilfreich. Erst wenn man sich bewusst wird das ein bestimmtes Verhalten aus einem alten Muster heraus entpringt kann man sich ebenso bewusst für eine andere Richtung entscheiden.

Ich starte momentan den Versuch mir meine Tagesaktivitäten zu notieren. Am Ende der Woche kann ich mir dann einen Überblick über die Yin und die Yang Anteile verschaffen. Ob diese Strategie gewinnversprechend ist werde ich höchstwahrscheinlich in einem weiteren Blogeintrag erzählen.

 

Wie man wieder aufsteht.

Wie man wieder aufsteht.