Wie man wieder aufsteht.

Wie man wieder aufsteht.

Leben ist gefährlich. Immer wieder wird man mit unumgänglichen (oder auch selbst auferlegten) Herausforderungen konfrontiert, die man managen lernen muss. Manchen fällt dies leichter, anderen schwerer. Wie das Schicksal so spielt, bin ich bereits einige Male an dem Punkt gewesen, wo ich geglaubt habe nicht mehr weiterzukommen. Ich bin hingefallen und eine Zeit lang liegen geblieben. Vom Stress erschlagen, von Schicksalen geplagt, von körperlichen Wewehchen übermannt oder auch einfach nur mit meinen persönlichenHerausforderungen ÜBERfordert. Aber ganz abgesehen von meinem Talent hinzufallen, kann ich eine Sache ganz besonders gut: Wieder aufstehen. Manchmal liege ich ein wenig länger und tu mir ganz besonders Leid, aber das muss wohl auch ab und zu so sein. Oder vielleicht auch nicht.

Es gibt ein wunderbares Gedicht über das ich im tibetischen Buch vom Leben und vom Sterben gestolpert bin. Es stammt von Portia Nelson, "Autobiographie in fünf Kapiteln" und lautet folgendermaßen:

1.
Ich gehe die Straße entlang.

Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren ... Ich bin ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos, wieder herauszukommen.

2.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.

Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer noch dauert es sehr lange, herauszukommen.

3.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.

Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es.
Ich falle immer noch hinein ... aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiß, wo ich bin.
Es ist meine Schuld.
Ich komme sofort heraus.

4.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.

Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe darum herum.

5.
Ich gehe eine andere Straße.

Ich würde sagen, ich befinde mich irgendwo zwischen zweitem und drittem Vers mit ein paar Ausreissern von Drei und Vier. Da ich allerdings bereits einige Zeit in diversen Löchern verbracht habe, hatte ich genügend Zeit um ein paar Tools zu entwickeln mit denen ich schneller wieder herauskomme.

1. Sei lieb.
Nämlich zu dir selber. Den Problemen anderer begegnet man meist mit Engelsgeduld und viel Verständnis. Aber wehe man ist selbst schon wieder hingefallen! Eh klar, wie kann man nur so blöd sein? Die Fähigkeit uns selbst zu treten wenn wir bereits am Boden liegen ist erstaunlich. Es gibt keine einzige Situation, in der Selbstgeisselung ein hilfreicher Zugang ist, ich versichere es euch! Oft fühlt man sich auch nicht betroffen von dem Thema. "Ich behandle mich eh gut". Aber wie oft ertappt man sich dann doch dabei, einen beachtlichen Teil des täglichen Gedankenvolumens mit destruktivem Selbstkritizismus zu füllen? Das beginnt bei Kleinigkeiten - wenn man sich beispielsweise nicht an die eigenen Vorsätze hält - und reicht bis hin zu völlig absurden Vorstellungen wie gewisse Dinge zu sein haben. Wenn man beispielsweise vor langer Zeit einen geliebten Menschen verloren hat und immer noch häufig traurig ist ("Damit sollte ich doch endlich abgeschlossen haben"). Oder wenn man sich im Beruf häufig zu viel auferlegt, und nach dem zweiten Burnout noch immer von allen stressen lässt ("Damit sollte ich jetzt aber wirklich schon umgehen können"). Wenn man sich in größerer Gesellschaft nicht so wohl fühlt, aber unbedingt dabei sein möchte ("Kann ich nicht einfach normal sein?"). Was es auch immer sein mag, die Möglichkeiten sich selbst zu kritisieren sind unendlich.

Wenn ich mich also bei so einem "Self-Bashing" erwische, dann beginne ich, mir stattdessen gut zuzureden. Ähnlich als würde ich ein weinendes Kind beruhigen wollen. Wenn ich allein bin, mach ich das sogar laut.

Ein praktisches Beispiel: Ich habe einen anstregenden Arbeitstag hinter mir. Kurz bevor ich gehen möchte kommt noch eine Jobanfrage. Mir stellt es sofort alle Haare auf, weil ich wirklich schon genug für heute habe. Gleichzeitg fühle ich mich schlecht und irgendwie schuldig, wenn ich der Anfrage nicht sofort nachkomme. Also vertröste ich den Kunden auf morgen. Während ich nach Hause fahre drehen sich meine Gedanken: "Hätte ich das doch noch machen sollen? Wieso bin ich so müde, so wahnsinnig viel habe ich heute ja auch wieder nicht gemacht! Ich hätte das einfach noch schnell erledigen sollen. Wie faul bin ich eigentlich? Warum kann ich nicht mit einem größeren Workload umgehen?..." Wenn ich mir dann meiner Gedanken bewusst werde, drehe ich den Spieß um und erkläre mir, warum ich mich schlecht fühle: "Du bist müde, weil du heute bereits den ganzen Tag gearbeitest hast. Natürlich hast du dann keine Lust mehr auf eine weitere Aufgabe. Du brauchst dich nicht schuldig zu fühlen, wenn du am Abend einen Auftrag ablehnst. Du weisst das es dir schwerfällt Nein zu sagen, aber das ist in Ordnung..." Und schon sieht die Welt ganz anders aus. Mein Gefühl ändert sich SOFORT, wenn ich meine Paradigmen umformuliere.

2. Gönn dir Ruhe.
Herausforderungen sind anstrengend. Meist befüllen wir unseren Tag so und so mit Daueraction. Wenn wir zusätzlich Probleme lösen, an uns arbeiten oder gerade mühsam aus einem Loch herausklettern wollen, dann brauchen wir Zeit, in der wir diese Dinge verarbeiten können. Anstatt also Gefühle mit noch mehr Beschäftigung auszublenden, gönne ich mir dann extra Zeit für mich allein. Spazierengehen, meditieren, oder ja - einfach nur liegen und an die Wand starren. Auch wenn einen dann Alles einholt. Gerade deswegen. ABER, und das ist wichtig:

3. Zieh dich nicht zu lang zurück.
Viele Leute, inklusive mir, tendieren dazu sich zurückzuziehen wenn sie sich nicht gut fühlen. Man will niemandem zu Last fallen, sich nicht von einer "schlechten Seite" zeigen. So ganz nach dem Motto: Ich gehe nur raus, wenn alles perfekt ist. Je länger man sich dann aber abschottet, um so leichter versinkt man im Selbstmitleid. Man fühlt sich nicht gut, und bestraft sich daraufhin mit sozialer Isolation. Der perfekte Teufelskreis. Daher: Egal wie schlecht du dich fühlst, triff dich mit deinen Freunden! Mir hilft es enorm wenn ich vorher Bescheid gebe das es mir nicht so gut geht. Einfach nur um mir den Druck zu nehmen, perfekt gut gelaunt sein zu müssen. Sprich darüber oder auch nicht - aber spring über deinen Schatten und unternimm etwas! Ich verspreche, danach fühlt du dich besser.

 

 

 

Eine Portion "Yang" bitte!

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Wo liegt meine Sch(m)erzgrenze?

Wo liegt meine Sch(m)erzgrenze?